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Frust an Deutschlands Hochschulen

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hochschule

Seit Einführung der Bachelor- und Master- Studiengänge im Rahmen des Bologna Prozesses an deutschen Hochschulen wachsen Frust und Unzufriedenheit bei den Studierenden, aber auch bei Dozenten und Verbänden.

Die neuen Studiengänge sollen idealtypische (Fach)Hochschulabsolventen hervorbringen, die bestens auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes zugeschnitten sind und sich internationaler Konkurrenzfähigkeit erfreuen dürfen. Doch wo bleibt die Förderung des einst von Humboldt proklamierten Vermögens des gebildeten Individuums, fachlich übergreifende Prozesse verstehen zu können und individuelle Entscheidungen über den berühmten Tellerrand hinaus treffen zu können?

Einführung von Bachelor und Master Studiengängen häufig mißlungen

Der Prozess, der im italienischen Bologna im Jahre 1999 von 29 europäischen Bildungsministern beschlossen wurde, sollte eigentlich vieles vereinfachen und der europäischen Hochschullandschaft zu einer vorteilhaften Entwicklung verhelfen:

Einheitliche und verständliche Studienabschlüsse in Europa, Verbesserung der Mobilität zwischen den Hochschulen und Studiengängen, die Einführeng eines zweistufigen Abschluss- Systems, dass in Deutschland und Österreich als Bachelor und Master Graduierung realisiert wurde, sind nur einige Punkte der Agenda.

 

Doch praktisch wurden im Rahmen der Bachelor / Master Einführung vielerorts die Inhalte der Diplom- Studiengänge in zeitlich kürzere Bachelor Studiengänge hineingepresst und angepasst. Neue Prüfungsordnungen fordern die Einteilung der Lehrinhalte in Module, welche meist mit einer Prüfung abgeschlossen werden müssen. Für die Studierenden bedeutet das mehrfache Prüfungen pro Semester bei komprimiertem Stoff. So wundert es nicht, dass die Zahl der leistungsbedingten Studienabbrecher steigt. Bereits im Jahre 2008 kletterte sie auf 31 Prozent bei denjenigen, die in einer Untersuchung von Ulrich Heublein, Robert Schmelzer und Dieter Sommer Überforderung als Abbruch-Grund angaben. Bevor die Bachelor / Masterstudiengänge eingeführt wurden, gaben nur 20 Prozent der Studienabbrecher Leistungs- und Prüfungsprobleme als Grund für den Ausstieg an. Weiterhin spielen finanzielle Sorgen eine zunehmende Rolle. Dabei war doch die Verringerung der Abbruchquoten eines der Ziele der Bildungsreform.

Für weiteren Unmut unter den Studierenden sorgen die Zulassungsbeschränkungen zum Masterstudium, die jede Hochschule individuell festlegt. Ein durchschnittlicher Notenschnitt von 2,5 wird jedoch neben weiteren Kriterien häufig vorrausgesetzt und überdurchschnittliches Engagement und Motivition wird von den Hochschulen gerne wohlwollend im Auswahlverfahren angerechnet. Der Masterabschluss nur für eine Elite und die Bachelor's eher das "preiswerte" Humankapital?
Die akademische Jobvermittlung "alma mater" veröffentliche im Jahre 2009 zum fünften Mal  in Folge die Ergebnisse ihrer Studie "Einstiegsgehälter von Hochschulabsolventen und Praktikanten", an der sich bundesweit 685 Unternehmen beteiligt hatten. Demzufolge genießt der Masterabschluss ein deutlich höheres Ansehen, in etwa gleichrangig mit dem guten alten Diplom. Entsprechend niedriger fallen die Einstiegsgehälter für Bachelor Absolventen aus. Je nach Branche und Unternehmensgröße rangieren diese laut der Studie 15 bis 20 Prozent unter den Gehältern der Kandidaten mit einem Master in der Tasche.

Das Sterben eines Bildungsideals

Die "Verschulung" der Studiengänge, wachsender Einfluss der Privatwirtschaft auf die Hochschulen und immer wieder das umstrittene Thema Studiengebühren wirken sich nach Ansicht vieler Studierender und Lehrkräfte negativ auf das deutsche Hochschul- Klima aus.
Dass privatwirtschaftliche Unternehmen Hochschulen mittlerweile für "Branding"- Zwecke oder Imagepolitur nutzen, ist so eine Sache. Discounter ALDI-Süd sponsorte beispielsweise der FH Würzburg-Schweinfurth "eine fünfstellige Summe" und bekam im Gegenzug im Jahre 2006 für vertraglich vereinbarte 5 Jahre die Namensrechte des Hörsaals Z02, welcher in "Aldi-Süd-Hörsaal" umbenannt wurde. Laut "Focus.de" begründete Axel Polossek von Aldi Süd die Maßnahme damit, dem angeschlagenen Image des Discounters als Arbeitgeber gegenüber Fachhochschulabsolventen entgegenwirken zu wollen. Die Nürnberger Teambank taufte hingegen den Hörsaal 5 der Universität Erlangen-Nürnberg in "easyCredit-Hörsaal" um. Weitere Uni's und FH's folgten dem Beispiel des "Hörsaalsponsoring".

Eine anderer Punkt, die immer wieder auf Kritik stößt, ist die zunehmende Akkreditierung (Latein: accredere; etwas glauben schenken, eine Sache abnehmen) der Bachelor- und Master- Studiengänge. Die Akkreditierung hat -zumindest offiziell- den Zweck, die Anerkennung der neuen Studiengänge zu fördern und deren Qualität sicher zu stellen. Sie wird gegenwärtig von sieben zugelassenen Akkreditierungsagenturen durchgeführt, welche ihrerseits vom deutschen Akkreditierungsrat zugelassen wurden. Die Agenturen sind Interessenverbünde aus Wirtschaftsverbänden, Fachgesellschaften, Berufsverbänden sowie den Hochschulen. Damit wächst der direkte Einfluss der Wirtschaft auf die Hochschulbildung.

Kritiker, wie der deutsche Hochschulverband, bemängeln den schleichenden Autonomieverlust der Lehre durch halbstaatliche Kontrolle und wirtschaftliche Einflüsse. Viele Studenten fühlen sich durch die neuen Studiengänge in ein Anforderungskorsett der Unternehmen gepresst, maßgeschneidert für ihr ökonomisch optimiertes Arbeitsleben. Die Employability der neuen Human Ressources hat hohe Priorität, aber leider oft nur fachspezifischer Natur. Die Enwicklung des studentischen Individuums im Sinne des Humboltschen Bildungsideals zu einer autonomen, verantwortungsbewussten und kreativen Persönlichkeit, die sich aufgrund ihres ausgeprägten Denkvermögens ohne Probleme im Beruf zurechtfindet, scheint immer weniger gefragt. Zumindest wird einer solchen Persönlichkeitsentwicklung kaum noch Raum gewährt, als hätte uns das letzte globale Desaster nicht glasklar vor Augen geführt, wohin pure Profitgier, mangelndes Verantwortungsbewusstsein und ein gewisses Unvermögen, spezielle Probleme unter Berücksichtigung ihres gesamten Kontexts zu lösen, führt.

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